Querschnittslähmung: „Es lohnt sich, weiterzumachen!“
Ein Moment, der alles auf den Kopf stellt: Moritz Brückner erinnert sich an den Tag, der sein Leben für immer verändern wird, als wäre er gestern gewesen: „Ich war einfach surfen, ganz normal, wie die 40 oder 50 Mal davor. Kein Sturm, kein Leichtsinn, kein Alkohol. Dann bin ich vom Brett gefallen, mit dem Kopf auf den Sandboden – und das war’s.“ Von einer Sekunde auf die nächste kann der damals 20‑Jährige seine Beine nicht mehr spüren. Unter Wasser merkt er, dass etwas nicht stimmt: „Ich dachte nur: Ich müsste langsam mal oben sein.“ Sein Freund Tobias zieht ihn schließlich aus den Wellen. Der erste Satz, der ihm über die Lippen kommt: „Scheiße, Tobias, ich werd' nie wieder tanzen.“ Tanzen, das war die große Leidenschaft von Moritz Brückner, bevor er in Chile vom Surfbrett fiel. Seine Mutter organisiert den Rücktransport nach Deutschland. In der BG Unfallklinik Murnau beginnt für Brückner ein neues Leben: eines im Rollstuhl, mit Schmerzen, Hoffnungen, Rückschlägen und neuen Perspektiven.
Was nach dem Unfall zählt
„Je höher die Verletzung an der Wirbelsäule, desto gravierender die Auswirkungen“ erklärt Dr. Matthias Vogel, Chefarzt im Murnauer Zentrum für Rückenmarkverletzte, einer hoch spezialisierten Abteilung für Querschnittslähmungen. Bei einer Schädigung im Halsbereich, wie bei Brückner der Fall, ist die Bewegungsfähigkeit ab den Schultern abwärts, also Arme und Beine betreffend, stark eingeschränkt, erklärt der Experte: „Zunächst ist das eine lebensbedrohliche Situation, weil auch die Atmung beeinträchtigt sein kann.“ Bei einer Rückenmarksverletzung ist in der Akutphase, also der Zeit unmittelbar nach dem Trauma, eine frühe Behandlung entscheidend, um weitere Schäden zu verhindern. Denn Entzündungen, Schwellungen oder Blutungen können das Gewebe um die Verletzungsstelle herum zusätzlich zerstören. Medizinische Maßnahmen richten sich daher vor allem auf eine schnelle Stabilisierung der Wirbelsäule, Sauerstoffzufuhr und gegebenenfalls operative Maßnahmen zur Druckentlastung des Rückenmarks.
„Entscheidend ist der richtige Umgang direkt am Unfallort. Der Patient muss stabilisiert werden, mit einer Stifneck, einer Vakuummatratze und ausreichender Sauerstoffversorgung“, erklärt Vogel. Besteht der Verdacht auf eine Rückenmarkverletzung, ist in den meisten Fällen eine Verlegung der Patient:innen in ein – unter Umständen auch weiter entferntes – spezialisiertes Traumazentrum sinnvoll. „Diese Zeit ist gut investiert, denn je früher das Rückenmark operativ dekomprimiert wird, also Platz bekommt, desto besser ist die Aussicht auf ein gutes neurologisches Ergebnis“, so Vogel.
Die Lage in Deutschland
Hierzulande leben derzeit rund 140 000 Menschen mit einer Querschnittslähmung. Jedes Jahr kommen etwa 2400 neue Fälle dazu. Traumatische, unfallbedingte Querschnittslähmungen haben dabei einen Anteil von etwa 45 Prozent. Krankheitsbedingte, nicht-traumatische Querschnittslähmungen, wie sie etwa durch Multiple Sklerose oder Tumoren entstehen können, zeichnen zu 55 Prozent verantwortlich. “Das Durchschnittsalter der Betroffenen ist bei uns in der Klinik in den letzten zwanzig Jahren deutlich gestiegen – von Anfang 40 auf Mitte 50”, sagt Vogel.
Wir sehen heute häufiger ältere Patient:innen, etwa mit E-Bike- oder Mountainbike-Unfällen.
Die Entwicklung, die mit den demografischen Veränderungen in unserer Gesellschaft zu tun hat, zeigt sich deutschlandweit noch stärker. Mittlerweile liegt das durchschnittliche Alter bei Eintritt einer Querschnittslähmung bei 62 Jahren.
Moderne Reha-Methoden
Die Rehabilitation nach einer Querschnittslähmung beginnt so früh wie möglich, oft schon wenige Tage nach dem Unfall oder der Operation. So war dies auch bei Moritz Brückner. „Nach Murnau zu gehen, war rückblickend die beste Entscheidung, die ich treffen konnte“, sagt der heute 27-Jährige, der inzwischen in Neu-Ulm lebt. Die Reha verfolgt, wie in anderen Kliniken auch, einen ganzheitlichen Therapieansatz.
„Wir starten so früh wie möglich mit Kreislaufübungen und Robotiksystemen, die Restfunktionen aktivieren können“, erläutert Chefarzt Vogel. Robotgestützte Gangtrainer und -orthesen simulieren Schritt- und Armbewegungen, Virtual-Reality-Brillen bringen Motivation ins Training. „Wir setzen solche Methoden gezielt ein, um das Gehirn mit dem Körper neu zu vernetzen.“ Für viele Betroffene beginnt in der Reha auch die psychische Verarbeitung – begleitet von Psychologen und sogenannten Peers, also erfahrenen Querschnittspatienten. „Dieses Peer Counseling ist zentral“, sagt der Mediziner. „Wenn ein neuer Patient sieht, dass jemand mit ähnlicher Verletzung Auto fährt oder Ski fahren war, entsteht Hoffnung.“
Das Leben geht weiter
Davon hat auch Moritz Brückner profitiert. Für ihn kam Aufgeben nicht infrage. „Ich bin nicht Moritz Brückner, weil ich Beine habe“, sagt er. „Ich bin der, der ich bin – durch Kopf und Herz.“ Heute ist er Nationalspieler im Rollstuhlrugby. Mit der Teilnahme an den Paralympics 2024 in Paris ist für ihn ein Traum in Erfüllung gegangen. Sein Sport – schnell, kontaktintensiv und taktisch – ist für ihn Lebensschule und Kraftquelle zugleich: „Im Team lernst du, dass Fehler dazugehören. Du fällst hin, rappelst dich wieder auf, machst weiter. Und du merkst: Du bist Teil von etwas Größerem.“ Aber Brückner ist nicht nur Leistungssportler. Er hat es sich auch zur Aufgabe gemacht, Menschen mit und ohne Beeinträchtigung über das Leben mit Behinderung aufzuklären. Und er möchte anderen Querschnittsgelähmten Hoffnung geben: mit Vorträgen an Reha- Kliniken und Schulen, auf Instagram und in seinem Podcast. Dabei spricht Brückner offen über Rückschläge, aber auch über Freude und Humor. Ihm geht es nicht darum, Aktivismus zu betreiben, sondern zu zeigen, dass das Leben weitergeht – anders, aber nicht weniger erfüllend: „Ich will Mut machen, Perspektiven zeigen, ohne den Zeigefinger zu heben. Jeder kann sich das herausnehmen, was für ihn passt.“
3 Fragen an Kathleen Franzke, Reha-Fachberaterin, Stolle Sanitätshaus, Leipzig
Worauf kommt es bei der Versorgung Querschnittsgelähmter an?
Das Wichtigste in der Versorgung von Querschnittsgelähmten ist die Wiedereingliederung in das soziale und berufliche Umfeld. Dabei sollen die Selbstständigkeit und eigene Mobilität im Fokus stehen, natürlich unter der Berücksichtigung der individuellen Hilfsmittelversorgung. Wir können den Rollstuhl so ausstatten, dass er eine optimale Sitzposition und auch eine leichte, handelbare Antriebsmöglichkeit bietet.
Wie gelingt es, die Hilfsmittel optimal anzupassen?
Durch eine individuelle Beratung. Bei einem Ersttermin lernt man den Kunden kennen und erfährt etwas über seine Ziele. Eine exzellente Hilfsmittel-versorgung ist nur möglich mit einer guten, bedarfsgerechten Beratung und Dokumentation durch Fachpersonal sowie qualitativ hochwertigen Produkten.
Welche Rolle spielt das Sanitätshaus über die Versorgung hinaus?
Das jeweilige Sanitätshaus gehört einfach zum Leben dazu. Ob im Bereich der regelmäßigen Wartung, bei Reparaturen oder als Freund. Man ist für alle Anfragen, die sich im Alltag ergeben, ein Ansprechpartner, wenn es um das Thema Hilfsmittel und Unterstützung geht.
Selbstständig durchs Leben
Bei einer Querschnittslähmung ist vor allem ein gut angepasster Rollstuhl wichtig, um Mobilität und Unabhängigkeit im Alltag zu erhalten. Darüber hinaus gibt es noch weitere Hilfsmittel, die die Lebensqualität verbessern können. Eine Auswahl:
- Schiebehilfe
Schiebehilfen unterstützen beim Schieben des Rollstuhls, besonders an Steigungen oder über längere Strecken. Der kraftvolle Elektromotor übernimmt den Großteil der Arbeit und entlastet so Schultern und Rücken.
- Sitzkissen
Leichte, atmungsaktive Rollstuhlkissen bieten aktiven Nutzerinnen und Nutzern eine stabile Beckenführung und zuverlässige Druckentlastung bei zugleich sehr geringem Gewicht.
- Greifreifenantrieb
Greifreifenantriebe kombinieren Muskelkraft mit elektrischer Unterstützung. Sensoren registrieren jeden Anschub und verstärken ihn automatisch: So fällt das Fahren leichter.
- Zuggerät
Das Zuggerät verwandelt den Rollstuhl in ein wendiges E‑Trike. Das Zuggerät mit großem Rad und Elektroantrieb erleichtert längere Strecken und Steigungen: ideal für Alltag und Freizeit.
- Zusatzantrieb
Der elektrische Zusatzantrieb verwandelt manuelle Rollstühle in kleine E‑Rollstühle. Das smarte Antriebsrad wird einfach an die Hinterachse gekoppelt und unterstützt per Joystick oder App beim Fahren.
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Hinweis: Nicht alle Filialen bieten alle Services an. Wir empfehlen bei Unsicherheiten, vorher Kontakt aufzunehmen.