Expertenwissen zu Osteoporose: Wenn die Knochen schwinden
Osteoporose bahnt sich still und schmerzfrei an
„Viele Menschen wissen lange nicht, dass ihre Knochen bereits geschwächt sind. Erst eine Fraktur oder eine Routineuntersuchung bringen Gewissheit – oft ist das ein Schock“, sagt Dr. Friederike Thomasius, Leiterin des Bereichs Klinische Osteologie am Frankfurter Hormon- und Osteoporosezentrum. „Doch eine solche Diagnose ist eine echte Chance. Wer weiß, dass Knochendichte und -struktur abnehmen, kann gezielt gegensteuern.“
Unsere Knochen erneuern sich ein Leben lang. Altes Gewebe wird abgebaut, neues aufgebaut. Geraten Aufbau und Abbau jedoch aus der Balance, wird das Knochengerüst brüchig. Rund um das 30. Lebensjahr erreichen wir die höchste Knochendichte, danach gilt es, die Struktur zu erhalten. Denn unsere Knochen tragen uns durchs Leben, schwinden sie, nimmt auch unsere Beweglichkeit ab.
Osteoporose ist eine systemische Skeletterkrankung
erklärt die Osteologin.
„Der ganze Knochenstoffwechsel ist gestört, nicht nur ein Wirbel oder ein Oberschenkel sind dann betroffen.“ In Deutschland waren 2019 laut International Osteoporosis Foundation rund sechs Millionen Menschen von Osteoporose betroffen – Tendenz steigend.
Wie stark unsere Knochen werden, wird uns zu einem gewissen Teil in die Wiege gelegt. Doch Lebensstil, Hormone und Krankheiten spielen eine ebenso große Rolle. Besonders Frauen trifft Osteoporose häufiger: Ihr Risiko ist etwa fünfmal so hoch wie das der Männer, weil mit Beginn der Wechseljahre der schützende Einfluss des Östrogens wegfällt. Das Hormon wirkt wie ein natürlicher Schutzschirm für die Knochen: Es hemmt die Aktivität der knochenabbauenden Zellen und hält so den Balanceakt zwischen Auf- und Abbau im Gleichgewicht. Doch auch Männer können betroffen sein – etwa durch Rheuma, Morbus Crohn oder Diabetes. Oder durch langfristige Einnahme von Kortison: Schon drei Monate können das Risiko erheblich erhöhen.
Eine frühzeitige Knochendichtemessung kann helfen, das individuelle Risiko einzuschätzen, vor allem bei Menschen über 50 oder mit begleitenden Risikofaktoren. So lassen sich Schäden erkennen, bevor der erste Bruch entsteht.
Behandlung, die stärkt und mobilisiert
„Osteoporose lässt sich gut behandeln. Bewegung, Ernährung und Medikamente greifen ineinander – entscheidend ist, dass Patientinnen und Patienten aktiv mitarbeiten“, betont Thomasius. Die Basistherapie besteht aus ausgewogener Ernährung, ausreichend Kalzium und Vitamin D sowie gezieltem Muskel- und Gewichtstraining. Je nach Schweregrad kommen knochenaufbauende oder erhaltende Medikamente zum Einsatz. Diese wirken am besten, wenn sie nacheinander in einer sogenannten Sequenztherapie eingesetzt werden, erklärt Thomasius, denn viele Präparate verlieren nach drei bis fünf Jahren an zusätzlichem Nutzen. Nach schweren Frakturen – typisch sind Brüche an Wirbeln oder am Schenkelhals – ist der Weg zurück in den Alltag für viele Betroffene eine Herausforderung. „Die größte Barriere nach einer Fraktur ist oft die Angst“, betont Thomasius. Gezieltes Training unter Anleitung, etwa bei der Physiotherapie, hilft dabei, Schritt für Schritt wieder beweglicher zu werden.
Auch orthopädische Hilfsmittel können dabei helfen: „Rückenorthesen können die Mobilisierung im Alltag unterstützen, also überall dort, wo Physiotherapeuten nicht direkt Einfluss nehmen können“, erklärt Bettina Waldsich, Produktmanagerin beim Hilfsmittelhersteller Medi. „Sie verstärken durch die gesteigerte Alltagsaktivität sogar die Wirkung der physiotherapeutischen Übungen. Moderne, dynamische Orthesentypen führen längst nicht mehr – wie früher befürchtet – zum Muskelabbau. Ganz im Gegenteil, sie ergänzen die wertvolle Arbeit der Therapeuten.“
Moderne Rückenorthesen sind heute leicht, rückenfreundlich und einfach anzulegen – ein Detail, das den Alltag vieler Betroffener spürbar erleichtert. Sie unterstützen nicht nur körperlich, sondern auch psychologisch: Sie schenken Sicherheit, Stabilität und damit neue Bewegungsfreude. „Jede Patientin und jeder Patient hat individuelle Anforderungen, deshalb ist eine persönliche Beratung im Sanitätshaus so wichtig“, betont die Expertin.
Wie sehr eine passgenaue Versorgung die Lebensqualität verbessern kann, zeigt das Beispiel einer über 80-jährigen Patientin: Trotz wiederholter Wirbelbrüche bleibt sie aktiv, musiziert im Verein und besucht regelmäßig Konzerte. „Sie trägt ihre Orthese seit Jahren mit großer Überzeugung“, erzählt Bettina Waldsich. „Diese ist kaum sichtbar, aber für sie unverzichtbar: ihre Stütze im Alltag.“
Bettina Waldsich ergänzt, dass Rückenorthesen nicht nur Halt geben, sondern auch aktiv die Aufrichtung des Oberkörpers unterstützen – ein effektives Biofeedback für eine stabile Haltung. Wie wichtig Bewegung und gezieltes Training sind, betont auch Thomasius:
Viele Frakturen passieren bei alltäglichen Bewegungen. Wer Haltung und Muskulatur stärkt, beugt weiteren Brüchen vor.
Doch starke Knochen sollten nicht erst nach einem Osteoporose-Verdacht im Fokus stehen. „Knochengesundheit ist etwas, auf das wir schon ab der Pubertät achten sollten“, sagt Thomasius. „Denn bis zu 30 Prozent unserer Knochenmasse hängen von unseren Lebensgewohnheiten ab.“
Zur Vorbeugung spielen vor allem Bewegung, Ernährung und Vitamin D eine zentrale Rolle. Aktivität lässt sich leicht in den Alltag einbauen: Treppensteigen, Spazierengehen, Tanzen oder leichtes Krafttraining. Ebenso wichtig ist eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Kalzium und Eiweiß. Besonders empfehlenswert ist eine mediterrane Ernährungsweise mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten, Fisch, Nüssen und Olivenöl. Studien zeigen, dass sie auch das Risiko für Hüftfrakturen deutlich senken kann. „Wer keinen Sport treibt und sich ungesund ernährt, schafft leider keine gute Grundlage für starke Knochen“, warnt Thomasius. Auch das Körpergewicht spielt eine Rolle: Untergewicht erhöht das Risiko für Brüche, während Normal- bis leichtes Übergewicht eher vor Frakturen schützen.
Für ältere Menschen, chronisch Erkrankte oder Personen, die sich kaum im Freien aufhalten, empfiehlt die Ärztin zudem, den Vitamin-D-Spiegel im Blick zu haben und bei Mangel entsprechende Präparate einzunehmen. Eine Osteoporose-Diagnose ist heute kein Schicksal, sondern der Beginn einer gut steuerbaren Behandlung. „Wir können in der Osteoporose-Therapie regenerativ arbeiten – wir können Knochen aufbauen“, sagt Thomasius. „Das Entscheidende ist, Brüche zu verhindern, und das funktioniert sehr effektiv.“ Sie betont, wie wichtig es ist, Diagnose und Behandlung aktiv anzunehmen.
Auch Bettina Waldsich unterstreicht, wie entscheidend die Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten ist: „Eine optimale Therapie funktioniert nur, wenn die richtigen Partner nah am Wohnort zu finden sind: Ärzte, Sanitätshaus, Physiotherapie und Selbsthilfegruppen.“ Gemeinsames Ziel sei es, Menschen mit Osteoporose zu unterstützen, mobil und selbstständig zu bleiben. Oder, wie Expertin Thomasius es auf den Punkt bringt: „Jede und jeder kann selbst etwas für die Knochengesundheit tun – am besten jeden Tag.“