Expertenwissen: Schulter unter Strom
Sie trägt Taschen, schlägt Volleys und lässt uns beim Umarmen die Arme öffnen: Die Schulter ist eines der faszinierendsten Gelenke des Körpers und zugleich eines der sensibelsten. Kaum ein anderes Gelenk vereint so viel Beweglichkeit mit so wenig Stabilität. Das macht sie zum Meister der Flexibilität, aber leider auch zu einem der Sorgenkinder unseres Bewegungsapparats. Das Schultergelenk ist ein Kugelgelenk und bewegt sich in drei Ebenen, wodurch wir unseren Arm nahezu frei im Raum bewegen können“, erklärt Orthopäde Thorsten Schwarz. „Diese große Freiheit erkauft sich der Körper allerdings mit einer eher kleinen Gelenkpfanne. Die Schulter neigt daher dazu, leichter zu verrutschen oder zu überlasten.“
Zusammenspiel von Muskeln und Sehnen
Damit die Schulter überhaupt in ihrer Position bleibt, braucht es ein perfekt abgestimmtes Zusammenspiel vieler Muskeln, Sehnen und Bänder. Eine zentrale Rolle spielt die sogenannte Rotatorenmanschette, eine Gruppe von vier Sehnen, die den Oberarmkopf in der Pfanne halten. Gerät dieses Gleichgewicht aus der Balance, treten Beschwerden auf.
Schon kleine Ungleichgewichte, etwa durch ständige Fehlhaltungen am Computer oder durch einseitige Belastungen im Beruf oder Sport, können das Gelenk überfordern
sagt der Mediziner. Besonders Überkopfarbeiten, Tennisschläge oder intensives Krafttraining setzen der Schulter zu. Aber auch Bewegungsmangel und vernachlässigte Tiefenmuskulatur tragen ihren Teil bei.
Am häufigsten sehen Orthopädinnen und Orthopäden laut Schwarz das sogenannte Impingement-Syndrom. Dabei wird der Raum zwischen Schulterdach und Oberarmkopf zu eng. Die Sehnen reiben bei jeder Armbewegung und entzünden sich schmerzhaft. „Manche Menschen haben von Natur aus ein eher gebogenes Schulterdach, bei anderen entstehen Engstellen durch knöcherne Veränderungen oder eine schlechte Haltung“, erklärt er.
Auch Risse der Rotatorenmanschette gehören zu den klassischen Befunden. Sie entstehen häufig nach Stürzen, etwa beim Skifahren oder Radfahren, oder bei Verschleiß im höheren Alter.
Daneben treten Luxationen (Ausrenkungen) auf, bei denen der Oberarmkopf aus der Pfanne springt, sowie die Frozen Shoulder, eine oft langwierige Kapselentzündung, die die Beweglichkeit stark einschränkt. „Viele dieser Erkrankungen sehen wir inzwischen häufiger“, sagt Dr. Schwarz. „Einerseits, weil sportliche Aktivitäten zunehmen, andererseits, weil viele Menschen beruflich oder privat viel Zeit in Haltungssituationen verbringen, die der Schulter nicht guttun – etwa stundenlang am Rechner.“
Gute Diagnostik ist der erste Schritt zur Heilung
Bevor eine Behandlung beginnt, steht immer eine genaue Diagnostik: körperliche Untersuchung, Ultraschall und gegebenenfalls MRT. Während bei einem akuten Sehnenriss häufig operiert werden muss, lassen sich viele Beschwerden wie das Impingement-Syndrom konservativ behandeln. „Nach exakter Diagnosestellung kann die adäquate Therapie beginnen: Diese besteht im Falle eines konservativen Vorgehens etwa aus Physiotherapie und Injektionen“, betont der Mediziner. Ziel ist es, den Raum unter dem Schulterdach wieder zu erweitern, die Sehnen zu entlasten und die Muskeln zu kräftigen. Unterstützend kommen entzündungshemmende Medikamente infrage. Bei Bedarf kann die Schulter ruhig gestellt werden. Heute meist mit modernen Orthese-Systemen, die Immobilisierung und Tragekomfort optimal miteinander kombinieren.
Eine Orthese soll stützen, aber sie darf nicht zur Belastung werden
weiß Moritz Kloke, Produktmanager und Schulterexperte beim Orthopädietechnik-Hersteller Enovis. „Wenn eine Schulterorthese unbequem ist, tragen Patientinnen und Patienten sie nicht so, wie es für den Heilungsverlauf nötig wäre.“ Beliebt sind deswegen Systeme, die sowohl funktionell als auch komfortabel sind, etwa durch atmungsaktive Materialien, anatomische Passformen und eine ausgewogene Druckverteilung. Orthesen mit Abduktionskissen entlasten durch die Positionierung des Arms Sehnen und Muskulatur der Schulter. Orthesen ohne Abduktionskissen sorgen für die körpernahe Ruhigstellung des Arms. Entscheidend ist, die Versorgung individuell anzupassen – eine Aufgabe, die Ärztinnen, Orthopädietechniker und Sanitätshaus gemeinsam übernehmen.
Der Weg zurück zur Bewegung ist – Bewegung!
Nach der Ruhigstellung gilt: Bewegung ist der Schlüssel. Gelenke, die zu lange ruhig gestellt werden, verlieren schnell an Mobilität. „In der frühen Rehabilitationsphase kann eine motorisierte Bewegungsschiene helfen, die Schulter sanft zu mobilisieren“, erklärt Kloke. „So lässt sich die Einheilung des Sehnengewebes fördern und die Funktion Stück für Stück wiederherstellen.“
Parallel begleitet die Physiotherapie diesen Prozess, bis die Schulter wieder stabil und belastbar ist. „Die Kombination aus moderner Orthopädietechnik, professioneller Therapie und Eigeninitiative der Patienten bringt die besten Ergebnisse“, fasst Schwarz zusammen.
Auch außerhalb der Therapie lässt sich viel für gesunde Schultern tun: Regelmäßige Bewegung, Ausgleichssport zu einseitigen Belastungen und kleine Pausen im Büro helfen, Verspannungen zu vermeiden. Schultern kreisen, Arme dehnen, Haltung prüfen – einfache Routinen mit großer Wirkung.
Die Schulter verzeiht vieles, aber nicht dauerhaft falsche Gewohnheiten
sagt der Mediziner. Und ergänzt: „Wer merkt, dass die Beweglichkeit abnimmt oder Schmerzen dauerhaft bleiben, sollte lieber früher als später zum Arzt gehen. Mit der richtigen Diagnose und passenden Unterstützung kann man den Alltag oft schnell beschwerdefrei genießen.“
Die Schulter ist ein Meisterwerk der Beweglichkeit und verdient unsere Aufmerksamkeit. Wer sie pflegt, sie bei Bedarf professionell versorgen lässt und sie regelmäßig kräftigt, hat gute Chancen, sie bis ins hohe Alter geschmeidig und schmerzfrei zu halten.
Stabil nur durch Muskelkraft
Die Schulter ist anatomisch auf Beweglichkeit ausgelegt, nicht auf Halt. Daher reagiert sie empfindlich auf Fehlbelastungen.
Schulter-Orthesen:
Sie stabilisieren das Gelenk, schützen vor Fehlbewegungen und fördern so die Heilung. Moderne Modelle bieten Halt bei hohem Tragekomfort.